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Sprossen,,,

23/06/10

Wir steigen sie hinauf, die Sprossen.
Immer schneller, immer weiter. Wir werden sie ewig hinauf steigen.

Wir achten nicht auf den Rand der Stiege, an dem die Pflanzen welken.
Achten nicht auf den ganzen Müll, der auf unseren Weg herunterfällt und sich in den Meeren sammelt.
Achten nicht darauf, wie unser schnell außer Sicht gebrannter Ausschuß die Flüße, Berge und Täler verseucht.
Wir sind zu sehr mit dem Aufstieg beschäftigt, um solcherlei Unfug anzuhängen, auf die warnenden zu achten.

Wir steigen sie hinauf, die Sprossen.
Das haben schon alle Menschen so getan. Das kennen wir gar nicht anders.

Wir erzählen uns, die “Krone der Schöpfung” zu sein, die sich die Erde zu Untertan zu machen habe.
Erzählen uns, wir wären von Natur aus zu Neid und Gier gehalten, der Lust und dem Trieb verfallen.
Erzählen uns, wir könnten uns nicht ändern, während wir uns selbst ständig immer wieder neu definieren.
Wir sind gefangen in unseren Geschichten. Den Visionen und Träumen, die wir uns über uns selbst erzählen.

Wir steigen sie hinauf, die Sprossen.
Denn auf dem Weg liegt Herrlichkeit, im ewigen Aufstieg die Freitreppe hinauf.

Wir vermeiden das kritische Denken. Hinterfragen ist nicht gern gesehn.
Vermeiden uns selbst was zu schenken. Werfen’s besser weg, wenn’s keiner mehr kauft.
Vermeiden an andre zu denken, den Blick auf’s Elend zu lenken oder uns für sie gar zu verrenken.
Wir wollen nichts neues bedenken, kein andren Weg einlenken. Der Vernunfts Stimme gilt’s zu vermeiden.

Wir steigen die hinauf die Sprossen.
Die Sprossen, gebaut aus unsren Knochen. Die Sprossen, wohlauf, das wird begossen! Die Sprossen,,,

Sprossen zum Wahn!

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Ich gehe nach Hause. Ganz natürlicherweise durch Seitenstraßen. Auf dem Weg drängt sich ein Satz an meine Ohren: “Das dauert ja noch eine Weile, bis wir Weltmeister sind,” Wir?

Ich biege ab, gehe auf eine Hauptstraße zu. Eine Gruppe betrunkener junger Erwachsener zieht auf dieser vorbei, Parolen skandierend. Einige in Fahnen gewickelt, andere solche schwenkend. Laut und deutlich rufen sie: “Wir sind Deutschland! Wir sind …”

Seid ihr das? Bin ich das etwa auch? Ist das nicht ein abstrakte Gebilde, dessen Souverän wir alle sein sollten, welches dazu dient sich von anderen, dem unseren ähnlichen, Gebilden abzugrenzen?

Aber wir sind ja wieder wer. Wiedervereint, wieder dabei im Kriegsspiel der Mächtigen, wieder eine wirtschaftlich bedeutende Nation, wieder Mal gelähmt durch einen ziellosen & planfreien Politikzirkus vor einem desinteressierten Publikum. Da kann man schon zur passenden Gelegenheit den Patriotismus wieder auf dem Schutzbunker lassen!
Denke ich mir, als ich die Hauptstraße kreuze und auf einen Tunnel zusteuere.

Denn, da wird kein Stürmer besungen, der die Tore machte, keine Abwehr bewundert, die die Vorarbeit leistete, kein Torwart geehrt, der die gegnerischen Torchancen zu nichte machte und kein Trainer geachtet, der das Profiteam so zusammenschweiste, dass es reibungslos arbeiten konnte.

Nein, des Pöbels Stimme verkündet eine andere Botschaft und das wird umso deutlicher, als ich eine andere Hauptstraße überquere und mein Blick, angelockt durch den Lärm, auf die Hauptkreuzung dieses größten Dorfes in unserem Lande gelenkt wird.

Saufen, johlen, kreischen, Fahnen schwenken, Deutschland rufen. Anschließend, oder auch während dessen, mit dem Auto viel zu schnell durch die Straßen jagen und das restliche Volk hupend informieren, damit es auch der letzte mit bekomme.

Die Polizei steht daneben, bemüht, einen Teil des Verkehrsflusses zu gewährleisten und ja nicht zu genau bei den ausgelassen Feiernden hin zu schauen. Unsere Ordnungshüter, die einen Abends um 9 auf den Paderwiesen aufsuchen, weil man mit zwei Didgeridoos die Ruhe neben der befahrenen Hauptverkehrsstraße stören könnte, gewähren den biederen, angepassten jungen Leuten um Mitternacht vor einen Arbeitstag auf der Straße zu feiern.

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

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