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Es begann damit, dass ich davon erfuhr, wie sich darüber pikiert wurde, dass der Vizevorsitzende der Piraten Andreas Popp ein Interview für die Junge Freiheit gegeben hatte. Ich war irritiert, nahm das ganze dann aber als einen naiven Ausrutscher wahr. Doch dann setzte unser Vorstandsvorsitzende noch einen drauf und gab, nach und während der Welle der Entrüstung, noch ein Interview mit diesem Blatt!

Ich verstand die Piraten nicht mehr, alte linke Beißreflexe griffen und ein guter Freund diskutierte mit mir über die Vorfälle. Ich führte an, dass dies doch politischer Selbstmord sei (vor allen Dingen so kurz vor der Wahl!!!11elf) und er meinte, dass man für den optimalen Weg mit allen reden müsse. Ich verstand nicht, zweifelte ernsthaft daran, ob ich in dieser Partei am richtigen Fleck bin, ob ich dort hin gehöre und mich auf eine Partei einlassen wollte, deren Vorstand solche Sachen machte. Wussten die denn nicht, dass man mit denen nicht spricht?!? Klar, wenn sie einem im RL übern Weg laufen kann man sich ja durchaus mit denen unterhalten, ich meinte ja schon länger, dieses komische links/rechts Schema hinter mir gelassen zu haben, aber doch nicht offen in den Medien!

Dann schrieb mspro einen klugen Beitrag dazu und ich fing langsam an zu begreifen. Es geht Piraten nicht zuerst um die wichtigen Fragen, die einem als normal politisierter Mensch so unter den Nägeln brennen wie z.B. Ausbeutung, dem klaffenden Unterschieden zwischen Arm und Reich, der Umwelt oder Krieg. Es geht primär um die zentrale Frage dieses Jahrhunderts, die binäre Gretchenfrage: Wollen wir eine totale Freiheit der Informationen oder den Versuch einer totale Kontrolle sämtlicher Kopiervorgänge? Diese Frage ist enorm wichtig für unser Leben und sie muss jetzt geklärt werden!

Und diese angestrebte totale Freiheit der Informationen führt zwingend dazu dass man alle Informationen zuerst als gleichwertig akzeptieren muss, bevor jeder für sich selbst entscheidet, welche Information er/sie/es wie einordnet. Da ist die radikale Konsequenz des Kampfes für Informationsfreiheit und es unterscheidet sich vollkommen von der Politisierung aller, die sich vorher mit Mitte/Rechts/Links identifiziert haben. Das bedeutet nicht, dass sich die Piraten nicht für andere Themen interessieren1 aber diese zentrale Frage hat definitiv Vorrang. Und manche Fragen, haben sich auch einfach schon für Piraten erledigt, wie z.B. die Geschlechterfrage. Es ist auch lange noch nicht allen Mitgliedern der Piratenpartei bewusst, manche wollen die Schäfchen auch gerne nach der Wahl wieder in’s saubere Boot der linken Politik zurück holen ( Heil Kalisti! Heil Eris! Ewig Heil Diskordia! – Entschuldigung, das wollte ich bei dem Logo immer mal gesagt haben ;)) ). Und natürlich fühlt es sich irgendwie “hässlich” an, dieser Gedanke auch “schlechtes” Gedankengut neben “gutem” existieren zu lassen. Aber dies ist der Preis der Freiheit und keiner hat, um mspro noch mal zu zitieren, gesagt, dass die Freiheit gut riecht.

Dieser Politikansatz ist radikal anders als die gewohnten der letzten zwei Jahrhunderte und genau das macht es so schwer für derart politisierte Menschen ihn zu verstehen. Ihn als unwissend, naiv oder gar als Desinteresse an wichtigen politischen Fragen zu bewerten zeugt nur vom Unverständnis des oder der Wertenden.

Das begriff ich Vorgestern und ich fand es beschämend wie stark ich doch noch in meiner links-außen Denke stecke – wo ich doch das links/rechts Denken schon längst hinter mir gelassen glaubte – aber ich würde es noch viel beschämender finden, wenn ich jetzt nicht von dieser Denke ablassen könnte. Das bedeutet wahrlich nicht, dass ich die Ausbeutung jetzt weniger schlimm finden oder die anderen Fragen vernachlässigen würde, sondern nur, dass ich versuche über den Dingen zu stehen und alle Informationen unvoreingenommen gegenüber zu stehen und mich von alten Vorurteilen zu lösen. Ich halte die Piratenpartei nach wie vor für wichtig und unterstützenswert, merke aber immer mehr, dass es mir nicht zusagt, mich in einer Partei zu organisieren und einzubringen. Nicht nur zuletzt dadurch, dass ich mir über den Zustand unseres Systems bewusst bin und ich glaube, viele Piraten glauben noch in einen Ausmaß an die Demokratie, wie meiner einer es schon lange nicht mehr tut. Ich werde jetzt nicht mit pompösen Tamtam austreten, das bewahre ich mir für den Moment auf, in dem auch diese Partei korrupt wird, aber auch nicht wirklich viel in der Partei oder für die Partei tun.

Es ist an der Zeit, dass sich die Bewegung mehr formiert und auch abseits der Parteienlandschaft versucht aufzuklären. Die Frage ist, wie man das heutzutage am besten tut. Ich weiß nicht, ob die Straße da noch das richtige Medium für ist, es wird aber wohl darauf hinaus laufen, denn wir müssen vermehrt die Menschen aufklären, die das Netz noch gar nicht für sich entdeckt haben.

Philosophische Folgegedanken

Dies alles zeigt mir mal wieder, dass ich noch gar nicht begriffen habe, was die Informationsgesellschaft eigentlich wirklich ist. Und ich befürchte, ich bin damit wirklich nicht alleine.

Schon heute ist es für einige wenige, den Netizens, immer mehr so, dass wir uns unsere Kultur selbst zusammen suchen aus der Myriade an Kulturschnipseln, die da draußen in der Kultursuppe des Netzes herum schwimmen. Wenn sich diese Tendenz fort setzt, Dann folgt daraus, dass sich innerhalb der Gesellschaft immer mehr schillernde Facetten entwickeln werden, wild zusammen gewürfelte Kulturblasen entstehen und es, gelinde gesagt, sehr unübersichtlich wird. Dies würde es dann auch sehr schwer machen, die große Masse einzuschätzen.

Des weiteren erfordert diese Informationsgesellschaft von ihren Menschen eine weitaus höhere Medienkompetenz und deutlich mehr Fähigkeiten als an die Menschen der Konsumgesellschaft der Moderne. Daraus folgt, dass sich die Menschen wieder mehr bilden müssen, was mich zu der Hoffnung führt, dass sich die breite Masse von der Meinungsmache lösen könnte und wir endlich die wichtigen Probleme angehen könnten, aber diese Hoffnung habe ich auch schon an anderer Stelle formuliert.

  1. Wobei einem manchmal eine enorme Naivität begegnet was Kapital, Globalisierung und noch viele Fragen mehr betrifft.

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17 Kommentare

  1. Guter, bedenkenswerter Post.
    Ich hatte auch erst Bedenken, als der JF-Artikel bekannt wurde. Ich las ihn und fand nichts daran auszusetzen, und gerade die Abgrenzung zu Rechts kam gut deutlich.
    MsPro’s Kommentar hat mir auch sehr geholfen. Wir stehen hier in der Tat vor radikal neuer Informationskultur, und haben noch soviel 20.Jh. im Hinterkopf…
    frei nach Brecht: “Auch der JF sei gedankt: sie hat es ihm abverlangt.” :^)

    Comment by suchenwi — 21. September 2009 @ 15:05

  2. Ich kann auch noch ergänzen warum die im Interview als rechts bezeichneten Parteien (NPD und Co.) für die Piraten nicht in frage kommen.

    Rassismus

    Wer sagt “Ausländer raus!” der handelt unlogisch. Willst du als Rassist der trotz alle dem verfassungstreu sein will (bedeutet kein Mord, Hetze etc.) das die “Ausländer” raus sollen, müsste man sich die Frage stellen warum sie denn hier sind, man reist zwar mal gerne aber gleich in ein fremdsprachiges Lanbd auszuwandern…das erfordert Mut oder Verzweiflung.
    Die Antwort ist relativ simpel: schlechte Wirtschaftliche Verhältnisse in der Heimat, Asyl aus den bedingten Gründen für dieses und all die Gründe die ich vergessen habe, aber nicht so Ausschlaggebend sind für die “Wellen an Einwanderen” die den ganz rechts außen soviel angst machen.

    So, das bedeutet, will man den Rassismus durchziehen aber Gesetzestreu bleiben, ist die einzigste Möglichkeit: den “Ausländern” zu helfen das es in ihre Heimat Lebenswert ist bzw. den Menschen dort gut geht -> Weniger Gründe auszuwandern. Blöd, das man Ausländern nicht hilft, wenn man Rassist ist, blöd auch das man kein Rassist sein kann um das gewünschte Ziel zu erreichen. Blöd für Rassisten – oder anders: blöde Rassisten.

    Aus dem Grund (und noch anderen Gründen) sind ausländerfeindliche Parteien und Piraten nicht vereinbar.

    MfG
    Seth, Pirat

    Wobei ich es ganz lustig fände, wenn solche Leute über ihren Schatten springen, vllt. hätten wir dann endlich ruhe vorm Rechtsradikalismus.

    Comment by Seth — 21. September 2009 @ 15:40

  3. Du brauchst dich doch als Pirat gar nicht zu verteidigen – es wäre wünschenswert, wären Leute deines Schlags im Vorstand zu finden. Aber der gewählte Vorstand spiegelt nebenher auch von den Mitgliedern gelebte Meinung wieder.

    Comment by Oliver — 22. September 2009 @ 16:42

  4. @suchenwi dankeschön :)

    @Seth hoffen kann man immer.

    @Oliver Es geht mir nicht darum, mich zu verteidigen. Es geht mir darum, konstruktiv zu Debatte beizutragen indem ich versuche Einstellungen zu erklären und zu verbreiten. Aber danke für das Kompliment ;)

    Comment by acid — 23. September 2009 @ 09:26

  5. An sich n cooler post, aber kannst beim nächsten mal n bisschen detailierter sein?

    Comment by Rudofl Richter — 12. Oktober 2009 @ 20:31

  6. @Rudolf Jepp, ich werde mich bemühen. Mehr Details fressen bloß mehr Zeit und die hat man als Freiberufler mit ordentlich Projektdruck nicht immer ;)

    Comment by acid — 22. Oktober 2009 @ 13:22

  7. An sich ne gute Sache, ich frag mich nur, ob das auch dauerhaft brauchbar bleibt.

    Comment by Roulettesysteme — 8. November 2009 @ 01:59

  8. Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?

    Comment by RoulettSystem — 15. Januar 2010 @ 18:53

  9. Lustig, ich hätte garnicht gedacht das das *wirklich* so funktioniert. Komische Welt.

    Comment by ρουλέτα που κερδίζει — 16. Januar 2010 @ 02:57

  10. Puh, schwer zu sagen. Ich denke, man muss einfach noch abwarten, ob sich die Piraten auch wirklich in diese Richtung entwickeln oder doch wie eine “normale” Partei werden. Wir werden sehen,,,

    Comment by acid — 19. Januar 2010 @ 21:36

  11. [...] habe seit meiner letzten Erkenntnis zum Thema Informationszeitalter weiter über das Thema nachgedacht. Zuerst einmal fällt auf, dass die Begriffe [...]

    Pingback by Piratenpartei Paderborn » Der Kampf um die Informationsfreiheit — 19. Februar 2010 @ 14:13

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  13. [...] habe seit meiner letzten Erkenntnis zum Thema Informationszeitalter weiter über das Thema nachgedacht. Zuerst einmal fällt auf, dass die Begriffe [...]

    Pingback by Der Kampf um die Informationsfreiheit | Die datenschutzkritische Spackeria — 20. Juli 2011 @ 12:52

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    Comment by hyip — 26. Juli 2011 @ 04:42

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