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Bodycount?!

29/07/10

Dieses Jahr war die letzte Loveparade. Was dabei geschehen ist, werdet ihr alle wohl schon wissen. Wirkt für mich ein wenig wie die Titanic, nur mit Ordnern & Platz, anstatt mit Rettungsboten, aber das wird die Zeit zeigen, wer dann am Ende die Schuld zugesprochen bekommt.
Sicher ist, es muss ein wirklich erschütterndes Erlebnis gewesen sein, in dem sich furchtbarste Szenen zugetragen haben. Dass die ganze Veranstaltung wohl nicht mehr viel mit Love, Peace & Harmony zu tun hatte, ist da nun wirklich nur noch bitterer Beigeschmack.

Das ganze lief natürlich auch durch meine Timelines in identi.ca & twitter und nach einer gefühlten Ewigkeit rotzte ich folgendes in die Welt:

Sicherlich, das hätte man auch weitaus schöner und respektvoller formulieren können. Nunja, Reaktionen folgten recht bald:

@acid23 ist übrigens mein Twitter-Account. Ich antwortete, auch wenn ich die Reaktion nicht ganz verstehen konnte:

Soweit, so gut. Meiner einer hat momentan echt noch viel zu viel damit zu tun, das Monsterprojekt technoload-beta fertig zu stellen und dabei nicht die anderen Kunden zu vernachlässigen, also kümmerte ich mich erst einmal darum. Irgendwann kam ich dann beim späteren Überfliegen meiner Timeline auf Enno’s grandiosen Post zum Debakel namens Eva Hermann. Dabei las ich folgenden Absatz:

Dazu mischte sich schnell ein zweiter Typus und begann mit dem Bodycount: Was das Betroffenheitsgerede solle, schließlich stürben täglich woanders viel mehr Menschen an Hunger und in Krisengebieten. Ja das ist wahr, ist aber gefährlich dicht an Dingen wie Hitler-Stalin-Vergleichen anhand der Opferzahlen. Leid soll hier relativiert werden, obwohl Leid und Mitgefühl etwas absolutes und vor allem subjektives sind. Eine solche Relativierung erlaubt nur zwei Reaktionen: Entweder sind die Tote der Loveparade egal, weil ständig irgendwo Menschen sterben, oder aber wir wir müssen ständig und permanent jedwedes Leid in der Welt betrauern – ein Ding der Unmöglichkeit.

Wohl geschrieben und dem kann man auch nur zustimmen.
Ich fragte mich, ob ich mich zu jenem Typus zählen sollte, @nerdcoreblog hatte das ja gemeint, konnte mich darin aber nicht wirklich nicht wieder finden. Mir ging & geht es nicht darum, Leid zu relativieren. Ich gehe da mit Enno konform, dass so etwas absolut und nicht meßbar ist. Ich denke auch, dass es nicht meßbar sein dürfte, bin mir da aber auch recht sicher, dass das gar nicht geht.

Was ich aber sehr wohl relativieren kann und möchte ist die Anzahl der Kurznachrichten zu einem Thema, die in meiner Timeline auftauchen und ich sehe da auch nichts schlimmes drinne. Und wenn die Timeline von einem Thema zuschmockt, dann kann man sich manchmal auch drüber aufregen. Auch wenn das größtenteils einfach wirklich tolle, menschliche & lesenswerte Mitleidsbekundungen sind. Das ist dumm und kurzsichtig aber leider auch allzu menschlich. Wahrscheinlich wär’s für mich einfach sinniger gewesen, einen Filter auf #Loveparade zu legen oder das Tweetdeck einfach zu zu machen.

flattr this!

5 Kommentare

  1. Warum denn? Weil das Netzvolk auf der Betroffenheitswelle mitreitet und ansonsten nicht einmal die Spur von Mitleid kennt? Bodycount? Als im Winter ein Bus mit Kindern verunglückte, gabs da ne Welle im Netz? Wenn Obdachlose im Winter erfrieren, weil herzlose Bürger eine saubere Stadt fordern, kümmerts wen? Wenn der Sozialstaat beerdigt wird und Menschen in der Armut landen, thematisiert das dann die Fun-Generation a la Nerdcore? Aber wenn sich über eine Million die Kante geben, dann müssen alle mittrauern oder werden abgestraft. Ich rechne hier gar nichts auf, aber von diesen Leuten hört man in der Regel sonst überhaupt nichts, man geht mit Scheuklappen durch die Welt, es juckt nicht mal der Nachbar, wenn man nicht selbst unmittelbar betroffen ist.

    Die die tatsächlich trauern, das sind in der Regel jene, von denen man nichts hört. Diese Twittern nicht um die Wetter und machen sich in diesem Moment keine Gedanken wen sie denn nun entfolgen”.

    Comment by Oliver — 29. Juli 2010 @ 09:35

  2. Ich finde es völlig legitim, darauf hinzuweisen, dass wir indirekt für Tragödien sorgen, jeden Tag, die viel mehr Menschen betreffen, oder welche unabhängig von uns passieren, und niemand trauert. Gerade weil Menschenleben nicht aufrechenbar sind. Judith Butler sprach übrigens vor kurzem von „betrauerbarem“ und „unbetrauerbarem“ Leben: http://jungle-world.com/artikel/2010/30/41420.html

    Comment by Adrian Lang — 3. August 2010 @ 19:20

  3. [...] das Ereignis ein riesiges Ausmaß an Obrigkeitsglauben offenbar werden ließ. Zurück zu meinem vierten Kommentar, den ich im Acidblog hinterließ. Acid wies in dem Beitrag zurecht darauf hin, dass unsere [...]

    Pingback by Vier Kommentare — Adrians Blog — 3. August 2010 @ 21:37

  4. Danke euch beiden :)

    Comment by acid — 4. August 2010 @ 14:23

  5. Jeder sollte sich mal fragen: Wenn ich “JETZT” sofort sterben würde, würde das dann Jemanden auf Twitter interessieren? Würde es überhaupt jemals jemand im Internet mitkriegen? Würde sich meine virtuelle Identität nicht einfach so (KALT & EMOTIONSLOS) nach einiger Zeit auflösen? (Accounts laufen ab, Rechnungen werden nicht bezahlt) – Niemand trauert um einen außer der reale familiäre (Freundes-)Kreis?

    Warum sollten wir also “ANDERE” die nicht in DIREKTER Verbindung mit uns stehen betrauern? Auf einer anonymen Plattform wie twitter? Es ist leicht dämlich – ich wage schon fast zu behaupten: TV zu sehen macht schlauer.

    Warum sollen wir nur einige wenige betrauern, welche tragisch umkommen (und worüber im MAINSTREAM berichtet wird), wenn jeden Tag viele Menschen unspektakulär sterben (WOLLEN) (vielleicht aber auch ne scheiß Zeit durchhaben?) und dessen Lebensgeschichte nicht in der Bild-Zeitung steht?

    Das desfunktionale “System der öffentlichen Trauer” muss überdacht werden.

    Wir können nicht jeden & auch nicht NUR spektakuläre Todesfälle betrauern..

    Dieser jemand muss schon unmittelbar mit uns zu tun haben oder wirklich wichtig für unser “zukünftiges” Leben oder das “Hier & Jetzt” gewesen sein.

    Sonst hat man eigentlich kein Recht darauf WIRKLICH betroffen zu sein – &

    tut nur so als ob man es wäre – für PR-technische Gründen und trägt somit zur Verbreitung von ideologisch-gutmenschlichen Gedankentum bei. (Gruppenzwang -> Mitleid wird vergrößert – Gründe können variieren (Lieblingszeitung schreibt große Schlagzeile ect.))

    Aber nun mal Spaß beiseite ^^
    Schreib mal wieder mehr – vor allem über Acid!

    Mfg
    Ein Acidhead
    (Multitask Force)

    Comment by Ein Acidhead — 24. Dezember 2010 @ 11:41

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