Ich arbeite seit über einer Dekade in der IT, genauer gesagt immer irgendwas mit dem Internet, meist Webentwickler. Das folgende wird den meisten wie Jammern auf hohem Niveau vorkommen und ich kann euch gut verstehen, falls ihr euch wundert, weshalb ich mich überhaupt beschwere. Es geht mir aber nicht darum zu jammern, sondern meine Empörung über die Zustände in dieser Branche, in der ich so gerne arbeite, in die Welt schleudern. Ihr könnt auch einfach den nächsten Absatz überspringen.

Ich bin ein erfahrener Entwickler in einer beliebten Toolchain für die allerorten händeringend Leute gesucht und solche meines Kalibers mit Handkuss genommen werden, auf Jobsuche und erlebe gerade etwas neues: ich erhalte Absagen. Nun kann es sein, dass ich in die Jahre gekommen bin (unwahrscheinlich), oder einfach mal zuviel verlangt habe (ja ok, ich dachte da wäre noch Luft nach oben…). Aber ich weiß den Grund leider, weil ich ihn täglich auf’s Brot geschmiert bekomme, wenn ich mit Headhunterinnen kommuniziere.

Am besten Fragen sie noch nach, ob ich denn da mit mir reden lassen würde, oder sie sagen, dass sie versuchen, dass ihrem Klientinnen (meine potentiellen zukünftigen Arbeitgeberinnen) zu verkaufen, weil ja ansonsten alles total super bei mir aussieht. Wie ein Makel an dem Produkt meiner Arbeitskraft, bei dem sie als Mittler sich echt nicht sicher ist, ob sie das noch wem verkauft bekommen. Jetzt mögen sich Leute, die die Branche der Internetfirmen nicht kennen, vielleicht wundern, was denn so läppische fünf Stunden die Woche ausmachen würden, doch es geht hier um mehr als diese fünf Stunden und das entlarvt die hässliche Realität so mancher hippen Startups.

Ich habe es lange Zeit sehr genossen für Startups zu arbeiten. Es sind junge Teams, nette Leute dabei, ne lockere Arbeitsatmosphäre, keine feste Arbeitszeiten und auch keine Zeiterfassung, flache Hierarchien, kein störendes Formalgedöns („Jau, ich brauche Anfang nächste Woche 2 Tage Urlaub. Geht das in Ordnung?“ „Na klar, mach doch!“) und meist nen vollen Kühlschrank1 und wenn sie wirklich gut sind gibt’s auch täglich frisches Obst. Zudem herrscht recht gemütlicher Ikea-Flair vor, garniert von der einen oder anderen Spielmöglichkeit für die großen Kinder.

Klar ist nicht immer alles rosig da. Angeeckt bin ich schon bei meinem ersten Job in einem Startup. Da hieß es, dass ich kommen und gehen könnte, wann ich wollte, und dann waren sie irritiert, was ich denn erst um halb 12 auftauchte.2 Aber ich konnte mich damit arrangieren.

Und seitdem das Kind da ist, ist das mit dem früh aufstehen eh kein Problem mehr. Dafür hat sich ein neues ergeben. Ich übernehme nämlich wirklich die halbe Sorgearbeit & Verantwortung für unser Kind und das passt einfach nicht mit 40 Stunden die Woche zusammen. Aber dank KiTa durchaus mit 35, zumindest wenn ich inner Woche nicht zu viel Nachmittagsschichten habe (wir haben da nen ausgefeiltes Schichtsystem, ich veröffentliche da in den nächsten Wochen was zu). Und deshalb bin ich auch gerade auf Jobsuche: Der Gründer von meinem Noch-Arbeitgeber meint nämlich, dass alle Programmiererinnen bei ihm 40 Stunden oder mehr arbeiten müssen3

Irgendwann ist mir dann auch aufgefallen, dass meine Kolleginnen immer so lange da waren. Kann natürlich auch dran gelegen haben, dass manche halt nur programmieren und ein bissl feiern am Wochenende als Lebensinhalt kennen, ist a auch vollkommen legitim. Aber bei mir ist schon immer Politik oder sich mit Leuten treffen unter der Woche als Termine ist präsent. Und irgendwann dämmerte es mir: Das Arbeiten und, wenn es ideal für die Firma läuft, Leben in diesen Startups ist deshalb so gemütlich damit die Leute länger arbeiten, als für das sie bezahlt werden. Funfact: ich habe einige Arbeitsverträgen in diesen Startups kennen gelernt in denen Überstunden schon abgegolten sind und weil es zumeist Berufsanfängerinnen sind, die so anfangen, machen die sich darum auch anscheinend keine Gedanken.Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass einige Startups damit kalkulieren, dass ihre Angestellten regelmäßig Überstunden machen.

In diesem Licht ist das natürlich vollkommen verständlich, warum das für diese Firmen so ein Problem ist, wenn ich sage, dass ich „nur“ 35 Stunden die Woche arbeiten will.4 Was ich nur nicht verstehe ist, warum meine Kolleginnen das nicht auch mal in Frage stellen. Da sind wir eine kleine Riege von elitären Arbeitnehmerinnen, die sich aussuchen können, wo sie arbeiten wollen, und dann lassen wir uns von denen vorschreiben, wie lange wir zu arbeiten haben! Viel schlimmer noch: richtig hip ist mensch ja nur,  wenn auch noch ordentlich auf branchenrelevante Meetups nach Feierabend gegangen und fleißig mit an Open Source Software geschrieben wird! Nur als Randnotiz sei nochmal angemerkt, dass dieses natürlich nur Leuten möglich ist, die über so viel Freizeit verfügen, weil sie sonst keine Verpflichtungen haben.

Wenn eine Gruppe von Arbeitenden entspannte Arbeitszeiten und menschenwürdiges Arbeiten durchsetzen könnte, dann wären das wir. Aber nein, wir üben uns lieber in Selbstausbeutung! Warum ist das so? Was treibt euch so dazu, so lange auf der Arbeit zu sein? Ich würde das gerne verstehen. Ich dachte, wir wären hier die Generation Y mit Selfcare, Work/Life-Balance und so, aber um mich herum sehe ich nur, wie die Leute sich tot arbeiten.

Und doch, wahrscheinlich werde ich demnächst wieder in einem bequemen Startup arbeiten, soll ja doch ein paar geben, für die 35 Stunden die Woche nicht das Problem dar stellen…

  1. inzwischen versuche ich mich von der Mate fern zu halten, hab schon genug zugenommen
  2. Ich fand das damals eigentlich schon ne ganz gute Leistung von mir. Als Freiberufler hatte ich vorher immer von 17:00 bis 02:00 gearbeitet gehabt.
  3. Überstunden sind natürlich schon im Gehalt abgegolten
  4. Das soll sich mal einmal wer vorstellen, da will einer weniger arbeiten!

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