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Wer will denn jetzt herrschen?
04/10/10
Es brodelt in meiner Timeline. Oh wie es brodelt! Man könnte fast meinen, dass das Stimmvieh langsam aus seinem Dämmerschlaf erwacht.
Und das ist nicht nur #S21, man merkte das auch schon sehr gut bei dem Loveparade-Debakel, von solchen krassen Dingern wie Laufzeitverlängerung und 5%-Erhöhung der Armengängelung1 ganz zu schweigen. Der Wind des Wandels beginnt sich von einem lauen Lüftchen zu einer sanften Bö zu steigern.
Immer mehr wird klar: so kann es nicht weiter gehen. So darf es nicht weiter gehen! Das Netz zerrt die dämliche Klüngeltechnik der Politik und ihrer hungrigen Freunde immer wieder auf unangenehm deutliche Art und Weise an’s Tageslicht des Socialverse. Oft genug wird’s von dortaus weiter gespühlt in die alten Medien, sehr zu Mißgunsten der Akteure. Doch dies ist nichts Neues. Dies ist nur eine, in meinen Augen, positive Entwicklung des Medienwandels, den wir gerade unweigerlich erleben. Aber das soll gar nicht Thema dieses Beitrages sein.
Das Interessante an der Entwicklung der letzten Monate ist eigentlich, dass immer mehr Stimmen die Natur unserer “Demokratie” in Frage stellen. Viele empfinden eine Ohnmacht dem Staat gegenüber, ganz besonders dann, wenn der Staat seine Muskeln spielen lässt und das Gewaltmonopol ausnutzt. In letzter Zeit machte dieses unser Staat2 dieses immer mehr gegenüber ganz normalen Bürgern und nicht nur gegenüber linken Gruppen, bei denen man das ja gewöhnt währe. Gepaart mit dem Eindruck, dass die politische “Elite” einfach das tut, wozu sie lustig ist und sich einfach nicht drum schert, was das Volk denn so interessiert.
Man kann dies eigentlich nur begrüßen. Es ist eh verwunderlich, wie denn immer noch der Glaube vorherrschen kann, dass ein System, welches für die sozialen und technischen Gegebenheiten des 18. & 19. Jahrhunderts gedacht war, heutzutage noch zeitgemäß sein sollte. Ja, überhaupt noch funktionieren könnte! Doch, das Dogma herrscht noch vor, auch wenn es an allen Ecken und Enden am schwanken ist. Es ist toll, dass immer mehr nach neuen Ideen verlangen, doch muss man sich einiger Sachen bewußt sein:
- Dass, die Akteuere unseres aktuellen Gesellschaftsspieles (Politiker, Medienmogule & Leute, die viel zu viel Geld und große Firmen kontrollieren) sich darauf spezialisiert haben, dieses zu spielen und keine Lust haben werden, dieses Spiel zu ändern.
- Aufgrund dessen werden die alten Medien so lange Systemerhaltendes publizieren, wie es Ihnen nur irgend möglich ist.
- Dieses widerum nach sich zieht, dass es sehr lange brauchen kann, bis eine Veränderung im Denken der breiten Masse von sich gehen wird.
Diese lange Zeit ist einerseits wirklich grausam, da es impliziert, dass sich noch viel mehr Elend und Wut anstauen wird, andererseits benötigen wir alle diese Zeit.
Denn, egal wie ein System, welches unser aktuelles ablösen kann, nun am Ende aussehen wird, klar ist, dass es von jedem seiner Bürger auch verlangen wird, sich an der Politik zu beteiligen. Der Gedanke, dass der Souverän sich nicht mit der Willensbildung der von ihn gebildeten Entität beschäftigen müsste, ist meiner Meinung nach einfach nur Wunschdenken vergangener Jahrhunderte. Mit den stringenten Sozialgefüge vergangener Jahrhunderte mag das wohl noch ganz gut funktioniert haben, doch heutzutage kann dies einfach nicht mehr funktionieren. Weder haben wir so wenige entscheidende Themen wie damals, noch haben wir so fest definierte soziale Schichten 3.
Eine wahre Demokratie kann in meinen Augen nur funktionieren, wenn jeder einzelne Bürger des Staates sich aktiv an der politischen Willensbildung beteiligt. Sicherlich, man kann nicht zu allem eine eindeutige Meinung haben. Dafür bieten sich Systeme wie liquid Democracy an, bei der ich meine Stimme in Themenbereichen delegieren kann, so lange ich das möchte. Die aktuelle Systemkrise zeigt sehr deutlich, dass wir mit Mandatsträgern, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, nicht weiter kommen, es braucht Systeme der Verantwortung gegenüber den Wählern. Und dies vor allen Dingen nicht in großen Zeitperioden sondern mit einem direkten und unmittelbaren Feedback der Wähler welches aktiv in’s politische Geschehen eingreifen kann.
Dies impliziert natürlich, dass die Grenzen zwischen “Politiker” und “Bürger” immer mehr verschwinden werden. Eine Entwicklung die ich allerdings nur begrüßen kann. Sicherlich ist auf diesem Wege auch das Konzept der Privatsphäre bedroht. Doch diese schwindet aufgrund von soziologischen und technologischen Faktoren eh, aber das ist ein Thema für einen anderen Blogbeitrag.
Doch zur politischen Meinungsbildung braucht es Zeit. Zeit, die jedes Individuum einzeln für sich nehmen muss. Zeit, die wir in unserer heutigen Gesellschaft einfach nicht haben. Und so hätten wir, neben den ohnehin drängenden ökonomischen Faktoren, ein weiteres Argument für das Garantierte Grundeinkommen.
- Die dann wohl doch keine zu sein scheint. ↩
- und so wie ich das von hier aus verfolgen kann, geht das in den anderen “westlichen” Staaten auch nicht anders zu ↩
- Dies ist im übrigen mit Schuld an dem heutigen Debakel: Durch das weg fallen eindeutiger Schichten verloren die Parteien ihre Bezugsgruppen und damit den Kontakt zu ihrer Basis. ↩
Lesefutter, die dreizehnte
08/07/10
- Neunetz zu Sascha Lobos Denkfehler wirklich lesenswerter Artikel zu Immaterialiengüterk(r)ampf unserer Zeit.
- Die Taz zur Geschichte des Urheberrechts, passend zur Debatte.
- recode.nl hat dann auch gleich mal ein abschreckendes Beispiel gegen Copyright.
- Krieg ist Frieden. Der Spiegelfechter zu unserer Gesellschaft.
Jünger der Ausbeutung
19/01/10
Was leben wir doch in herrlichen Zeiten!
Alle leben friedlich miteinander, keiner muss Hungern. Wir alle können im Supermarkt den letzten Fraß für ganz wenig Geld erwerben. Und jeder, der arbeiten will, kann auch arbeiten, um sich etwas von dem glückspendenden virtuellen Gut zu erwerben. Jener übergroßen & bunten Mohrrübe an einer Angel, die wir Esel ständig erreichen wollen während wir uns vor dem Karren spannen lassen, der sich hierzulande “soziale Marktwirtschaft” schimpft.
Der Begriff an sich ist schon abenteuerlich genug. “Soziale Marktwirtschaft” ist ungefähr so sinnvoll wie “Hyänen mit Anstand”1 oder “Raubmörder mit Herz”. Abgesehen davon ist er nun wirklich nicht mehr aktuell. Die Tage keynsianistischer Wirtschaftspolitik sind ja in diesem Lande nunmehr seit über 3 Dekaden gezählt. Jedoch, wir sehen uns halt gerne als die guten an, die in der bestmöglichen Gesellschaftsform Leben und Glück und Frieden auf der Welt verbreiten.
An unseren Händen klebt Blut. Aber wir sehen es nicht. Wir sehen nicht die kleinen Kinderhände, die den Kakao für unsere günstige Schokolade aus dem Supermarkt pflücken, während sie im pestizidverseuchten Wasser waten. Wir sehen nicht die kleinen Kinderhände, die unsere Schuhe, Kleidung und Sportgeräte nähen. Wir sehen nicht die schweißbedeckten und überarbeiteten Männer, die die grüne Lungen unseres Planeten für unseren Luxus abholzen oder unsere Meere leer fischen. Nein, das tun wir nicht, denn wir wollen es nicht sehen.
Die Römer hatten zu mindest noch die Eier in der Hose, einem Sklaven zu sagen, dass er keine Rechte hatte. Wir lassen unsere Sklaven einfach so weit entfernt halten, dass wir es nicht mehr gezeigt bekommen müssen. Das wurde bei uns eh schon genug geübt, dass nicht zeigen. So viel, dass wir schon seit Jahren Kriege gegen die ärmsten Länder der Welt führen und uns dabei auch noch einreden, wir wären die Guten!
Doch was wir im Großen mit der ganzen Welt machen, zieht sich auch bei uns durch alles. Die, die nur den Rest der Menschheit dadurch ausbeuten können, dass sie total billiges Zeug kaufen, arbeiten dadurch dem Reichtum derer zu, die schon viel zu viel davon haben. Nicht, dass sie da groß eine Wahl zu hätten, die meisten zwingen die Umstände dazu und sie haben auch meist gar keine Ahnung wo die Produkte aus dem Supermark her kommen oder es interessiert sie auch einfach nicht. Der aussterbende Mittelstand schaut neidisch dabei zu und bemüht sich eifrig darum, auch seinen Teil vom Kuchen abzubekommen.
Nur läuft das hier nicht ganz so offensichtlich, als dass es Hans Dampf von der Straße, der sich jede Abend seine kleine Portion Wahrheit von der Meinungsmaschinerie aus den alten Medien abholt, kapieren könnte. Hier bekommt er seine Skandale und Kataströpchen gezeigt, über die er sich schön brav aufregen kann und die gerade angesagte Geissel der Menschheit, welche unsere aller Untergang ankünden könnte, präsentiert.
Aber eines ist allen dabei klar. Eigentlich ist das alles ja egal. Denn der “Fortschritt” wird immer weiter gehen, das Wachstum, diese uns alle vereinende Götze, wird immer weiter fort schreiten. Nichts wird uns in unserer wahnwitzigen Herrschaft über die “Natur” aufhalten können.
Aber das alles darf man ja nicht in Frage stellen. Es ist ja allgemein bekannt, das Fortschritt was tolles ist und wir ewig wachsen müssen.
Da lassen wir uns auch nicht von so profanen Fakten abhalten. Wie zum Beispiel, dass die Ressourcen auf diesem Klumpen Erde im All endlich sind. Oder, dass wir unseren eigenen Lebensraum, und natürlich auch den vieler anderer Lebewesen, verpesten und vernichten. Wenn da so ein paar ideologisch verblendete Spinner her kommen, und was davon erzählen wollen, dann schickt man halt die Wissenschaftler aus ihren gut staffierten Instituten in die Medien, die dann alles relativieren, so schlimm ist das nämlich alles gar nicht.
“Geht wieder nach Hause Leute und konsumiert brav weiter. Es gibt hier keine Menschheit auf dem Irrweg zu sehen. Los, geht wieder nach Hause Leute. Unsere Zivilisation ist toll und wird es auch immer bleiben.”
Jetzt werdet ihr Leser euch eventuell fragen, was man dagegen tun kann. Und dass man ja schon soo viel tut. Und ich will euch ja auch gar nicht angreifen und sagen, dass ihr das nicht tun würdet. Aber wir müssen uns und unseren Mitmenschen klar machen, worin die große arrogante Dummheit unserer Spezies liegt, die zu all diesem Übel führt.
Wir befinden uns auf einem gefährlichen Irrweg. Das Gedankengut unserer “Zivilisation” ist tief in uns verwurzelt. Wie sollte es auch anders sein? Wir Menschen werden ja durch die uns überlieferten Geschichten und Gedanken geprägt. Es ist an der Zeit unseren Blick auf die Welt von den Mythen der letzten Jahrtausende zu lösen. Es gibt keine von uns getrennte Natur. Wir Menschen sind lediglich eine der vielen Tierspezies auf diesem wunderschönen Erdball und ein Teil des Ökosystems, zu dem wir beitragen und von dem wir abhängen.
Ich sage nicht, dass wir uns von der Technik abwenden sollen. Es gibt ja wahrlich wundervolle Errungenschaften, die wir uns dank ihrer erschaffen konnten. Nicht zuletzt so etwas wie das Netz und die ihm zugrunde liegende Technik. Aber wir werden uns wirklich endlich und umfassend mal damit beschäftigen müssen, wie wir gerade leben.
Denn, im Endeffekt wollen alle Tiere auf diesen Erdball eines: In Erfüllung und Zufriedenheit leben. Die mehr Instinktgesteuerten Arten haben den Luxus, dass sich dies recht einfach bewerkstelligen lässt. Der Preis unserer Spezialisierung auf unseren Denkapparat bringt die Bürde mit sich, dass wir darüber nachdenken, reflektieren und kommunizieren müssen.
Fest steht, dass der Großteil der Menschen unzufrieden ist, und das durchaus zu Recht, aber nicht sehen kann oder sehen will, worin unser Problem liegt. Die einen, weil sie von übermächtigen Kräften ausgebeutet werden, die anderen, weil sie in einer kalten, unmenschlichen Gesellschaft existieren müssen. Die wenigen, die Zufriedenheit erlangen konnten, müssen sehr viel Kraft dafür aufwenden, sich gegen das Leid um sie herum zu stärken, um nicht daran zu Grunde zu gehen.
Und die, die ganz oben am Ende der Ausbeutungskette stehen? Ich weiß es nicht genau. Aber hey, wir sind Herdentiere. Wenn es der ganzen Herde beschissen geht, wie kann es da den einzelnen Tieren gut gehen?
- Man verzeihe mir, dass ich dieses Stilmittel nutze und diesen Tieren menschliche Eigenschaften verleihe ↩
Lesefutter, die achte
20/12/09
Mal ein paar gesammelte Links der letzten Wochen:
- Brokenhagen – the world wants a real deal! Ein beeindruckend guter Post aus einer meiner Neuentdeckungen :)
- Achtung! Achtung! Da sieht man mal, wie weit das mit unserem “Rechtsstaat” gekommen ist :/
- Haben Sarrazin, Buschkowsky und Co recht? Weissgarnix hat mal nachgerechnet,,,
- Deutschland entblättert manchmal hat die Zeit richtig gute Artikel, diesmal zum Medienwandel.
- Computer: Die Toaster der Moderne? Herr oder Frau Herold zu Komplexität unserer Werkzeuge.
- Schluss mit dem Kulturpessimismus! Ein interresantes Interview zum Medienwandel.
- Wenn der Kapitalismus nicht so mächtig wäre,,, noch was gutes vom Feynsinn
Was meint der denn nun wieder mit Postdemokratie? Werden sich jetzt wohl einige von euch fragen. Diese seien beruhigt, genau das werde ich hier erläutern. Doch bevor wir uns damit beschäftigen, was nach der Demokratie kommt, sollten wir uns noch kurz damit beschäftigen, was denn nun Demokratie ist und wie es dazu kam, dass wir in der Schule erzählt bekommen, wir würden in einem demokratischen System leben.
Entstanden ist der Begriff im antiken Griechenland und setzt sich zusammen aus „Demos“ für Volk und „-kratie“ für Herrschaft. Zu beachten ist dabei, dass man damals als Volk alle Vollbürger auffasste. Das waren vornehmlich eben jene Männer, die die „High Society“ der Polis bildeten und in großen Villen mit 1-2 Dutzend Sklaven, einigen Lustknaben und allem sonstigen ihrem Stande gemäßen Luxus lebten. Diese hatten natürlich genug Zeit sich mit Kunst, Kultur & Politik zu beschäftigen, während andere die Arbeit für sie taten.
Machen wir einen Zeitsprung in das 18. Jahrhunderts. Der Würgegriff der Kirchen um die Bildung hatte sich im Laufe der Jahrhunderte wieder gelockert und die großen Denker der Aufklärung brauchten einen Sammelbegriff mit dem sie ihre Vorstellungen von Freiheit & Gleichheit verbreiteten konnten. Sie definierten so unseren modernen Demokratiebegriff bestehend aus den Menschenrechten, die garantieren sollten, dass jeder Mensch gleich behandelt wird, und einer Gewaltenteilung der Regierung in richterliche, gesetzgebende & ausführende Gewalt.


