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Was leben wir doch in herrlichen Zeiten!

Alle leben friedlich miteinander, keiner muss Hungern. Wir alle können im Supermarkt den letzten Fraß für ganz wenig Geld erwerben. Und jeder, der arbeiten will, kann auch arbeiten, um sich etwas von dem glückspendenden virtuellen Gut zu erwerben. Jener übergroßen & bunten Mohrrübe an einer Angel, die wir Esel ständig erreichen wollen während wir uns vor dem Karren spannen lassen, der sich hierzulande “soziale Marktwirtschaft” schimpft.

Der Begriff an sich ist schon abenteuerlich genug. “Soziale Marktwirtschaft” ist ungefähr so sinnvoll wie “Hyänen mit Anstand”1 oder “Raubmörder mit Herz”. Abgesehen davon ist er nun wirklich nicht mehr aktuell. Die Tage keynsianistischer  Wirtschaftspolitik sind ja in diesem Lande nunmehr seit über 3 Dekaden gezählt. Jedoch, wir sehen uns halt gerne als die guten an, die in der bestmöglichen Gesellschaftsform Leben und Glück und Frieden auf der Welt verbreiten.

An unseren Händen klebt Blut. Aber wir sehen es nicht. Wir sehen nicht die kleinen Kinderhände, die den Kakao für unsere günstige Schokolade aus dem Supermarkt pflücken, während sie im pestizidverseuchten Wasser waten. Wir sehen nicht die kleinen Kinderhände, die unsere Schuhe, Kleidung und Sportgeräte nähen. Wir sehen nicht die schweißbedeckten und überarbeiteten Männer, die die grüne Lungen unseres Planeten für unseren Luxus abholzen oder unsere Meere leer fischen. Nein, das tun wir nicht, denn wir wollen es nicht sehen.

Die Römer hatten zu mindest noch die Eier in der Hose, einem Sklaven zu sagen, dass er keine Rechte hatte. Wir lassen unsere Sklaven einfach so weit entfernt halten, dass wir es nicht mehr gezeigt bekommen müssen. Das wurde bei uns eh schon genug geübt, dass nicht zeigen. So viel, dass wir schon seit Jahren Kriege gegen die ärmsten Länder der Welt führen und uns dabei auch noch einreden, wir wären die Guten!

Doch was wir im Großen mit der ganzen Welt machen, zieht sich auch bei uns durch alles. Die, die nur den Rest der Menschheit dadurch ausbeuten können, dass sie total billiges Zeug kaufen, arbeiten dadurch dem Reichtum derer zu, die schon viel zu viel davon haben. Nicht, dass sie da groß eine Wahl zu hätten, die meisten zwingen die Umstände dazu und sie haben auch meist gar keine Ahnung wo die Produkte aus dem Supermark her kommen oder es interessiert sie auch einfach nicht. Der aussterbende Mittelstand schaut neidisch dabei zu und bemüht sich eifrig darum, auch seinen Teil vom Kuchen abzubekommen.

Nur läuft das hier nicht ganz so offensichtlich, als dass es Hans Dampf von der Straße, der sich jede Abend seine kleine Portion Wahrheit von der Meinungsmaschinerie aus den alten Medien abholt, kapieren könnte. Hier bekommt er seine Skandale und Kataströpchen gezeigt, über die er sich schön brav aufregen kann und die gerade angesagte Geissel der Menschheit, welche unsere aller Untergang ankünden könnte, präsentiert.

Aber eines ist allen dabei klar. Eigentlich ist das alles ja egal. Denn der “Fortschritt” wird immer weiter gehen, das Wachstum, diese uns alle vereinende Götze, wird immer weiter fort schreiten. Nichts wird uns in unserer wahnwitzigen Herrschaft über die “Natur” aufhalten können.
Aber das alles darf man ja nicht in Frage stellen. Es ist ja allgemein bekannt, das Fortschritt was tolles ist und wir ewig wachsen müssen.

Da lassen wir uns auch nicht von so profanen Fakten abhalten. Wie zum Beispiel, dass die Ressourcen auf diesem Klumpen Erde im All endlich sind. Oder, dass wir unseren eigenen Lebensraum, und natürlich auch den vieler anderer Lebewesen, verpesten und vernichten. Wenn da so ein paar ideologisch verblendete Spinner her kommen, und was davon erzählen wollen, dann schickt man halt die Wissenschaftler aus ihren gut staffierten Instituten in die Medien, die dann alles relativieren, so schlimm ist das nämlich alles gar nicht.

“Geht wieder nach Hause Leute und konsumiert brav weiter. Es gibt hier keine Menschheit auf dem Irrweg zu sehen. Los, geht wieder nach Hause Leute. Unsere Zivilisation ist toll und wird es auch immer bleiben.”

Jetzt werdet ihr Leser euch eventuell fragen, was man dagegen tun kann. Und dass man ja schon soo viel tut. Und ich will euch ja auch gar nicht angreifen und sagen, dass ihr das nicht tun würdet. Aber wir müssen uns und unseren Mitmenschen klar machen, worin die große arrogante Dummheit unserer Spezies liegt, die zu all diesem Übel führt.

Wir befinden uns auf einem gefährlichen Irrweg. Das Gedankengut unserer “Zivilisation” ist tief in uns verwurzelt. Wie sollte es auch anders sein? Wir Menschen werden ja durch die uns überlieferten Geschichten und Gedanken geprägt. Es ist an der Zeit unseren Blick auf die Welt von den Mythen der letzten Jahrtausende zu lösen. Es gibt keine von uns getrennte Natur. Wir Menschen sind lediglich eine der vielen Tierspezies auf diesem wunderschönen Erdball und ein Teil des Ökosystems, zu dem wir beitragen und von dem wir abhängen.

Ich sage nicht, dass wir uns von der Technik abwenden sollen. Es gibt ja wahrlich wundervolle Errungenschaften, die wir uns dank ihrer erschaffen konnten. Nicht zuletzt so etwas wie das Netz und die ihm zugrunde liegende Technik. Aber wir werden uns wirklich endlich und umfassend mal damit beschäftigen müssen, wie wir gerade leben.

Denn, im Endeffekt wollen alle Tiere auf diesen Erdball eines: In Erfüllung und Zufriedenheit leben. Die mehr Instinktgesteuerten Arten haben den Luxus, dass sich dies recht einfach bewerkstelligen lässt. Der Preis unserer Spezialisierung auf unseren Denkapparat bringt die Bürde mit sich, dass wir darüber nachdenken, reflektieren und kommunizieren müssen.

Fest steht, dass der Großteil der Menschen unzufrieden ist, und das durchaus zu Recht, aber nicht sehen kann oder sehen will, worin unser Problem liegt. Die einen, weil sie von übermächtigen Kräften ausgebeutet werden, die anderen, weil sie in einer kalten, unmenschlichen Gesellschaft existieren müssen. Die wenigen, die Zufriedenheit erlangen konnten, müssen sehr viel Kraft dafür aufwenden, sich gegen das Leid um sie herum zu stärken, um nicht daran zu Grunde zu gehen.

Und die, die ganz oben am Ende der Ausbeutungskette stehen? Ich weiß es nicht genau. Aber hey, wir sind Herdentiere. Wenn es der ganzen Herde beschissen geht, wie kann es da den einzelnen Tieren gut gehen?

  1. Man verzeihe mir, dass ich dieses Stilmittel nutze und diesen Tieren menschliche Eigenschaften verleihe

flattr this!

12 Kommentare

  1. Hallo Acid,

    schöner Text. You made my morning! Vielen Dank. Das mit der Technik, darüber muss ich aber nochmal nachdenken.

    Gruß, littleblacknemo

    Comment by littleblacknemo — 19. Januar 2010 @ 05:23

  2. Liebes Acid,

    Hört sich ziemlich deprimiert an. ABER: Leider trifft es ziemlich genau den Punkt.Kannst du dich diesem System widersetzen? Wenn ja, wie?

    Comment by Moritz — 19. Januar 2010 @ 13:15

  3. Danke littleblacknemo :)

    Lieber Moritz,

    verschiedenes von diesem Themenkomplex ist immer mal wieder sehr deprimierend oder frustrierend, keine Frage. Allerdings versuche ich immer mehr den Blick auf die schönen Aspekte zu richten, da mir dies mehr Kraft gibt. Und es freut mich, wenn mir andere zustimmen :)

    Nun zu deiner Frage, ob ich mich diesem System widersetzen kann.
    Ich muss natürlich auch irgendwie im großen Spiel des Lebens mit spielen. Glücklicherweise habe ich in der Selbstständigkeit eine Art und Weise gefunden, die mir zusagt und mich ernährt.
    Ich denke aber, das “widersetzen” das falsche Verb ist. Widerstand leisten hat eigentlich immer etwas von einem Kampf, egal ob nun mit Gewalt oder ohne. Ich denke, dass ein Umdenken im großen Stil nur durch Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden kann.
    Ich versuche dies durch diesen Blog, Gespräche und durch Auftritte in Veranstaltungen sowie durch die Teilnahmen an Projekten wie dem Dark Mountain Project zu erwirken.

    Ich glaube nicht, dass es ein schnellen Wandel geben kann, dafür ist dies alles zu tief in unserer Kultur verwurzelt. Aber ich habe Hoffnung :)

    Comment by acid — 19. Januar 2010 @ 17:26

  4. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Daniel Schweighöfer, Rouven Ridder erwähnt. Rouven Ridder sagte: Der Schreiber des Paderborner "Acidblogs" ist sauer und stellt die "Wachstums-Frage": http://bit.ly/8pPTsJ [...]

    Pingback by Tweets die acidblog » Jünger der Ausbeutung erwähnt -- Topsy.com — 20. Januar 2010 @ 00:53

  5. [...] – Der Paderborner Schreiber des “Acidblogs” ist verärgert über einige Aspekte des Wirtschaftssystems und glaubt, es fördere die Habgier beim Einzelnen. Darüber hinaus stellt er die “Wachstums-Frage”: Acidblog – Jünger der Ausbeutung [...]

    Pingback by Neue Westfälische - Blogspot — 20. Januar 2010 @ 15:21

  6. Zunächst einmal muß ich Ihnen widersprechen: Die Tiere wollen gar nicht in Frieden leben. Die Natur zeigt uns, wenn wir Sie mit offenen, nicht verklärten Augen betrachten, warum es uns in der Tat hervorragend geht: In der Natur ist es brutal. Ein Tier ist langsamer als die Herde? Dann wird es zurückgelassen und gewinnt für die Herde Zeit, indem es sich fressen läßt.

    Sorry, aber das passiert bei uns einfach nicht. Wir versuchen, die Schwachen in der Gesellschaft mitzuziehen. Wir versuchen, Sie zu unterstützen, mit dem Geld und Know How der Stärkeren. Sie persönlich sehen das ja auf Ihrer Gehaltsabrechnung.

    Lassen Sie uns bitte erstmal nicht darüber sprechen, in welchen Details das Sozialsystem falsch sein mag. Aber es ist einfach ein riesiger Fortschritt gegenüber der brutalen Natur der Tiere, die Sie hier als Bild benutzen.

    Außerdem: Ja, wir leben in Frieden und Wohlstand. Das sollten wir zunächst einmal dankbar annehmen. Wir werden nicht an der Front verheizt, wir müssen nicht zusehen, wie unsere Kinder verhungern, weil nichts zu fressen da ist. Selbst die ärmsten Menschen in Deutschland sind reicher als die Reichen in früheren Zeiten. Nicht in bezug auf Geld, sondern in bezug auf Lebensqualität.

    Wir machen uns Sorgen um andere, weil wir mittlerweile so leben können, daß wir uns um uns selbst keine Sorgen mehr zu machen brauchen.

    Was aber bedeutet das für die armen Länder? Nun, es gibt eine Reihe von Gründen, warum ein Land arm ist. In Afrika sind es momentan meist Bürgerkriege, die effektives Wirtschaftswachstum verhindern. Aber nur eine eigene Wirtschaft bringt ein Land dazu, sich selbst zu ernähren.

    Wenn wir aber nun dafür sorgen, daß unsere Arbeitsplätze nach bspw. Indien ausgelagert werden, was heißt das denn eigentlich? Im Prinzip passiert hier genau das, was Sie fordern: Wir geben ab, ein anderes, vorher armes Land profitiert. Weil sie eben momentan billigere Arbeitskräfte haben.

    Aber je mehr Arbeitsplätze vorhanden sind, umso mehr steigt die Produktivität, die Wirtschaft wächst. Selbst in Indien ist es ja schon so, daß manche Arbeiten outgesourct werden, weil das Lohnniveau in anderen Ländern noch geringer ist.

    Im gesamten Kreislauf also sorgen wir a) dafür, daß das Niveau armer Länder sich anhebt, haben dafür aber b) wieder Abnehmer für unsere (teuren) Produkte. Denn je mehr Wohlstand, desto eher sind Leute auch bereit, mehr zu bezahlen, wenn die Qualität oder das Prestige dieser Produkte höher ist.

    Wir sollten also nicht verärgert sein über das System. Es ist nicht perfekt – und genau deshalb funktioniert es. Ein perfekt durchdachtes System ist bisher IMMER gescheitert. Eine sozialistische Umverteilung hat bisher in keinem einzigen Land zu besseren Lebensverhältnissen geführt.

    Letztlich ist es dasselbe wie mit der Religion: Jede Religion ist tröstlicher und schöner als die furchtbar zynische Lehre vom Überleben des besser angepaßten. Die Marktwirtschaft ist nichts anderes: Ein System, das nicht perfekt ist, aber die Eigenschaften des Menschen am besten zum Wohle aller ausnutzt.

    Gibt es also keine Probleme in unserer Gesellschaft? Doch. Haufenweise. Und diese müssen wir auch benennen und zu beheben versuchen. Aber die Forderung nach Abschaffung der Marktwirtschaft ist immer auch eine Forderung nach Unterdrückung, Unfreiheit, Armut und Krieg. Nicht in der Theorie. In der Praxis.

    Comment by German Psycho — 15. April 2010 @ 17:14

  7. Ich bedaure, aber mir scheint, dass sie meinen Beitrag nur überflogen haben und mir dann gemäß der Schublade geantwortet haben, welche sich Ihnen auf die schnelle bot.

    Zuerst einmal muss ich sie darauf hinweisen, dass ich nirgends geschrieben habe, dass andere Tiere in Frieden leben wollen würden, ja geschweige überhaupt des abstrakten, menschlichen Konzeptes “Frieden” in der selben Form wie wir fähig wären. Mir ist auch durchaus bewusst, wie andere Tierarten mit ihresgleichen und anderen Arten umgehen und kann darin auch nichts verwerfliches finden. Insofern kann ich mit ihrer lapidaren Entschuldigung nichts anfangen. Des weiteren bekomme ich schon länger keine Gehaltsabrechnung mehr, aber das nur nebenbei.

    Meine im obigen Text geäusserte Kritik als ein Gespräch darüber, “in welchen Details das Sozialsystem falsch sein mag” aufzufassen liegt, zu meinem Bedauern, außerhalb meiner Vorstellungskraft. Das Bild, welches sie meinen, in meinem Werk erkennen zu können, kann ich auch mit besten Willen nicht in eben jenem finden.

    Mir erscheint, dass sich ihre Replik immer mehr zu einer Standardabwehr gegenüber einer Haltung, die ich nie bezog, entwickelt, weshalb ich mir genehmige, nicht mehr einzeln auf die Argumentationsstränge einzugehen. Um andere Sorgen ist auch beileibe keine Neuerung unserer Epoche. Ich möchte ihnen die Lektüre von Seneca an ihr Herz legen, eine Anregung können sie der Buchliste in meiner Blogroll entnehmen.

    Einzelne Argumentationsbrocken wurden von mir auch schon hier und streifend hier behandelt.

    Erfahrungsgemäß leidet unsere Diskussion allerdings darunter, dass wir von voneinander verschiedenen Menschenbildern ausgehen. Ich möchte sie deshalb bitten, sich diesen Beitrag von mir zu Gemüte zu ziehen.

    Comment by acid — 18. April 2010 @ 00:30

  8. Ich zitiere Sie mal: „Denn, im Endeffekt wollen alle Tiere auf diesen Erdball eines: In Erfüllung und Zufriedenheit leben”.

    Comment by German Psycho — 19. April 2010 @ 11:07

  9. Exakt. Aber in Erfüllung & Zufriedenheit leben bedeutet ja für viele andere Tierarten, gemäß ihrer Instinkte leben. Wie ich auch schon in meinem Post schrieb. Das hat immer noch nichts mit unseren Konzept des Friedens gemein.

    Comment by acid — 19. April 2010 @ 15:06

  10. [...] Geehrte Jünger_innen, [...]

    Pingback by We’re gonna take the power back! | Blogrebellen Kreuzberg — 8. Januar 2011 @ 15:47

  11. [...] von armen gequälten Seelen in einer 14 Stunden Schicht gepflückt wurde. Wir sind die Jünger der Ausbeutung, das dürfen wir nicht vergessen. Ich weiß, dass ich nur meine Gegebenheiten nehmen kann und von [...]

    Pingback by acidblog » Kategorisches Nein — 22. April 2012 @ 21:14

  12. [...] Wir sind die Kinder einer Gesellschaft die Menschen unterschiedlich bewertet. In ihr werden diese nach irgendwelchen Kriterien bevorzugt behandelt oder die ganze Zeit beigebracht, dass sie weniger Wert sind. Das ganze reiht sich perfekt in unser Weltbild ein, basiert doch unsere ganze “Zivilisation” auf Ausbeutung, ich schrieb da schon früher zu. [...]

    Pingback by Zur Quote | Genderpopender — 23. Mai 2012 @ 13:10

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